Texte sind öde, weil sie nur unsere linke Gehirnhälfte, die rational-kognitiv-begriffliche Hälfte ansprechen und die rechte Hälfte außen vor lassen – die intuitiv-emotionale Hälfte. Das aber kein Naturgesetz. An sich können Texte alles ausdrücken, was menschlich ist, sie können in menschliche Erlebniswelten hinein- und wieder hinausführen, können alle Schwingungen des Lebens aufgreifen und reflektieren. Und das gilt nicht nur für Romane, sondern auch für Sachtexte.
Ich habe das zuerst gesehen an den Texten von Alice Miller, die umwerfend empathisch und plastisch über seelische Erfahrungen schreibt. (Ein aktuellerer Tipp ist Daniel Schreiber, „Nüchtern“ - ein unglaublich empathisch-schwingendes Buch über Alkoholismus.) Ich habe mir dann selbst Stück für Stück beigebracht, wie man das macht, so zu schreiben, etwa in meinem Blog Familienknatsch. Wenn man dem Sog widersteht, sich von seiner Tastatur in einen gewissermaßen quadratisch-abstrakt-analytischen Modus bringen zu lassen, kann man sehr wohl Texte schreiben, die berührend, einladend, lockend, verstörend, provozierend, aufwühlend, ermutigend und noch vieles anderes sind.
Hier eine Kurzanleitung, wie man das macht: Man macht es einerseits über die gezielte Benutzung von Wörtern, die viele Bilder, Assoziationen, Alltagsandockungen, Erfahrungsverknüpfungen zulassen, und man macht es andererseits über die bewusste Wahl von Pronomen, wie „er“ oder „sie“, „wir“ oder „man“, die mehr oder weniger Distanz transportieren und mehr oder weniger Identifikation zulassen.
Mit dem Pronomen definiert man die Perspektive: Schreibe ich aus der Perspektive des Beobachters, der irgendein innermenschliches oder zwischenmenschliches Geschehen von außen betrachtet, oder schreibe ich aus der Perspektive desjenigen, um den es geht? Und wird folglich der Leser mitgenommen in ein Erleben, das dann für ihn spürbar und nachvollziehbar wird, oder steht er distanziert und beziehungslos daneben?
Empathisches Schreiben ist eine eigene Kunst. Es ist nicht etwas, was man automatisch kann, wenn man Schreiben kann, und es ist auch nicht etwas, was man automatisch kann, wenn man im täglichen professionellen Arbeiten ein Empathie-Profi ist. Um es zu lernen, hilft der Ansatz des systemischen Schreibens – ein Ansatz, den ich entwickelt habe am Schnittpunkt von wissenschaftlichem Schreiben und systemischer Beziehungsarbeit. Das Ziel ist, auch im Schreiben voll in Beziehung zu gehen und auch im Schreiben mit allen Obertönen und Untertönen zu arbeiten, von denen das Leben auch sonst voll ist.