Es gibt ja Texte, die sind so. Sie fangen ganz leicht, fast locker-flockig an, führen dann auf irgendeine Systematisierung oder Problemstellung und arbeiten sich Schritt für Schritt an Antworten, Anwendungen, Ausführungen heran, bis irgendwann der Bogen zu Ende geführt ist und der Leser mit einem runden Bild der Sache und im Idealfall mit neuen Ideen von dannen geht. Das ist das Ideal eines Textes, der einen roten Faden hat.
Wenn man versucht, so einen Text zu schreiben, stellt man allerdings fest, dass das verdammt schwer ist. Und, Spoiler: Wenn ein Text sich so liest, als wäre das leicht und als hätte der Autor das einfach so und mühelos in genau dieser Reihenfolge heruntergeschrieben, dann ist das eine optische Täuschung. Das ist niemals der Fall, in null von hundert Fällen. Wenn ein Text sich so liest, dann deshalb, weil der Autor hart an seinem roten Faden gearbeitet hat.
Was braucht es für diese Kunst? Es braucht dazu zwei Dinge: erstens eine gewisse Sturheit und Unablenkbarkeit des Autors, der wissen muss, was seine Botschaft ist, und sich nicht von den vielen sonstigen Weltmöglichkeiten ablenken lassen darf, und zweitens – nur scheinbar widersprüchlich – eine entschiedene Einfühlung in den Leser, der mit seiner Aufmerksamkeit, seiner Anspringbereitschaft, seinen geweckten Interessen und aktivierten Gehirnarealen geführt werden muss. Kurz gesagt: Es braucht eine dialogische Situation, in der der eine etwas loswerden will und der andere etwas zu hören bereit ist, aber nach seinen eigenen Bedingungen und Möglichkeiten.
Und es braucht eben autorseits eine gute Mischung aus Rigidität und Kreativität, um die damit aufgeworfenen Konstruktionsprobleme zu lösen. Rigidität ist an sich keine schöne Eigenschaft, aber hier ist sie nützlich. Ich zitiere Fritz Simon, der im Vorwort zu seinem Buch „Formen“ sagt: „Ich habe keinerlei Versuche unternommen, meine eigene Zwanghaftigkeit unter Kontrolle zu bekommen.“ Kreativität, auf der anderen Seite, wird ohnehin hoch geschätzt, wird aber meist eher an bunt-konkret-spontanen Ausdrucksformen gesucht als am dürren Wort – obwohl sie gerade hier nötig ist, um dem dürren Wort seine Dürrheit zu nehmen und Farbe, Leben, lockenden Klang hineinzubringen.
Wer diese Kunst trainieren will, ist richtig im systemischen Schreibcoaching. Das ist ein Ansatz, den ich entwickelt habe am Schnittpunkt von wissenschaftlichem Schreiben und systemischer Beziehungsarbeit. Er ist radikal dialogisch gedacht, er versteht den Text als Beziehungsangebot und die Ausgestaltung des Textes als Beziehungsgestaltung. Und er liefert jede Menge praktische Tipps, wie man Dinge, die eigentlich nicht in den roten Faden gehören, trotzdem ansprechen, andeuten, einstreuen kann, gewissermaßen als goldenen Schimmer in den Faden einflechten kann, ohne die Fadenhaftigkeit des Fadens zu zerstören.