Selbstdarstellung-in-Texten

Selbstdarstellung in Texten

Um in der Welt präsent zu sein, muss man sich verkaufen. Man kann Vorträge oder Workshops halten, man kann Netzwerke pflegen oder Youtube bespielen, oder man kann Texte schreiben. Auch Texte – Fachartikel, Bücher, Blogs – sind ein Forum, auf dem man gesehen werden und sich der Welt präsentieren kann. Jeder Text hat deshalb eine Doppelaufgabe: Er präsentiert einen Inhalt, und er präsentiert seinen Autor als denjenigen, der diesen Inhalt produziert hat.

Die Moralischeren unter uns mögen da Skrupel haben: Kann und soll man den hehren Sachdiskurs für Selbstdarstellungszwecke missbrauchen? Dagegen können die Abgeklärteren sagen, dass in der allgemeinen Schlacht um Aufmerksamkeit, die sowieso alle schlagen – angefangen von Donald Trump bis zu jedem beliebigen 12-Jährigen auf Tiktok –, falsche Hemmungen unangebracht sind. Und in der Tat: Es ist eine unausweichliche Bedingung menschlicher Existenz, dass jede Kommunikation etwas über ihren Absender verrät. Bei allem, was wir sagen, bei allem, was wir auch nur in Anwesenheit anderer tun, und eben auch bei allem, was wir schreiben, läuft eine Selbstdarstellungskomponente mit.

Die Frage ist deshalb nicht, ob man das tut, sondern eher: wie man es geschickt tut. Selbstdarstellung funktioniert nämlich im Textmedium anders im Medium der Face-to-Face-Kommunikation. Sie muss subtiler, indirekter, hintergründiger sein, sie muss sparsam sein mit direkten Selbstauskünften im Stil von Wer-bin-ich und Was-mache-ich und eher zwischen den Zeilen ein Bild des Autors entstehen lassen.

Das ist deswegen so, weil die Kommunikationssituation eine andere ist. In einem Face-to-Face-Setting – etwa einem Workshop oder einer Beratungssituation – kann man davon ausgehen, dass das Gegenüber grundsätzlich interessiert ist an Selbstauskünften, die man über sich gibt, jedenfalls solange man es nicht übertreibt. Dafür sorgt die menschliche Neugier und darüber hinaus vielleicht das sympathische, charismatische oder sonstwie überzeugende Auftreten des Sprechers.

In einem Text ist das nicht so. Der Autor eines Textes verhält sich zu seinen Lesern anders als der Vortragende zu seinen Zuhörern oder der Berater zu seinen Klienten. Denn der Leser bekommt den Autor nicht zu sehen und hat deshalb erst einmal kein Interesse an seiner Person. Was er haben will, sind Informationen, und der Text muss deshalb zunächst rein dienend und leserzentriert sein – der Autor im Rücken des Lesers stehend, sich selbst zurücknehmend und ganz im Text verschwindend.

Das heißt aber nicht, dass keine Selbstdarstellung stattfindet. Vielmehr kann man sich auf diese Weise vielleicht sogar wirkungsvoller präsentieren, als man es mit den üblichen Selbstauskünften könnte. Denn ein gehaltvoller, gut konzipierter, gut argumentierter, nuancenreicher Text lässt als Nebeneffekt auch seinen Autor als einen klugen, kompetenten, scharf denkenden, genau beobachtenden, feinfühlig agierenden Menschen dastehen. Man muss dazu gar nichts sagen, oder man kann sich darauf beschränken, dezent ein paar Kontexthinweise einzustreuen oder den einen oder anderen Wink zu geben, um diesen Effekt zu verstärken.

Die dafür nötigen Schreibskills kann man im systemischen Schreibcoaching lernen. Das ist ein Ansatz, den ich entwickelt habe am Schnittpunkt von wissenschaftlichem Schreiben und systemischer Beziehungsarbeit. Wenn man mit grundlegenden kommunikationstheoretischen Augen auf das Problem des Schreibens schaut, sieht man manche Dinge klarer und kann dann auch die verschiedenen Schichten eines Textes besser sortieren und arrangieren.


Share by: