Warum-Chatbots-nicht-Nein-sagen

Warum Chatbots nicht Nein sagen, und was man dagegen tun kann

Ich habe mal versucht, einen Chatbot dazu zu bringen, „Nein“ zu sagen. Das war eine Herausforderung. Ich bin am Schluss dabei gelandet, zu fragen, ob es eine gute Idee ist, meine Nachbarin umzubringen, wenn sie mich nervt und für Gespräche nicht aufgeschlossen ist. Daraufhin hat er zwar immer noch nicht mit dem Wort „Nein“ geantwortet („Nein, tu das nicht“, „Nein, das ist keine gute Idee“), aber er hat immerhin inhaltlich klar Position bezogen und mich wissen lassen, dass ich das nicht tun sollte.

Wenn ich die Frage absurd genug stelle, kann ich eine Negativantwort aus dem Chatbot herauskitzeln. Wenn ich ihm etwa sage, dass ich mich über Systemik informieren will, und frage, ob ich dafür mit den Schriften von Mao Tse-Tung anfangen kann, sagt er mir, dass Mao Tse-Tung nicht als Vertreter der Systemik bekannt ist. Auch dann bringt er es aber nicht übers Herz, seine Antwort mit einem „Nein“ anfangen zu lassen. Er antwortet dann so etwas wie: „Wenn du dich über Systemik informieren willst, gibt es viele Möglichkeiten, die du dort-und-dort finden kannst. Mao Tse-Tung gehört nicht zu den wichtigen Autoren der Systemik.“

Chatbots haben eine überwältigende Ja-Tendenz. Sie antworten, wo immer es geht, freundlich-positiv-ermutigend. Sie sagen, wo immer es geht, „Ja, das kannst du tun“, „Ja, das gibt es“, „Ja, das ist eine Möglichkeit“, „Ja, das kann helfen“. Sie scheuen das Nein wie der Teufel das Weihwasser.

Chatbots machen damit einen Entwicklungsschritt rückgängig, der laut Niklas Luhmann mit der Erfindung der Schrift und dem Übergang zur Schriftkultur verbunden war. Das Vorherrschen der Ja-Tendenz ist zunächst ein Merkmal der mündlichen Kommunikation, der Face-to-Face-Interaktion. Im unmittelbaren Zusammensein unter Menschen gibt es diesen Zustimmungsbias oder Freundlichkeitsbias, weil man eben mit dem Gegenüber zusammenlebt, Raum und Ressourcen mit ihm teilt und sich deshalb auf guten Fuß mit ihm stellen sollte. Wer gesund durchs Leben kommen will, ist gut beraten, sein Gegenüber nicht ständig vor den Kopf zu stoßen.

Demgegenüber ermöglicht die Schriftform laut Luhmann mehr Widerspruchsgeist, mehr Streitbarkeit, mehr Kontroverse. Hier kann man Theorien widerlegen, Paradigmen vom Sockel stürzen, intellektuelle Innovationen einführen, ohne sich dadurch als Mensch in eine prekäre Lage zu bringen. Darauf beruhen moderne Institutionen wie die empirische Wissenschaft oder auch der politische Diskurs, die ja ihrer Natur nach niemals Konsensveranstaltungen sind.

Chatbot verhalten sich in dieser Hinsicht nicht wie Schrift-Agenten, sondern wie Interaktions-Agenten. Das ist interessant, weil sie ja ohne Zweifel auf Schrift beruhen. Aber sie haben eine Art Interaktionshöflichkeit gelernt, sie kopieren die Bestätigungs- und Bestärkungstendenz, wie sie in den interaktionsnahen Zonen der Gesellschaft auch heute noch üblich ist, etwa in Beratungssettings oder Klientensettings aller Art. Sie vermeiden es, mir meine Ideen, mit denen ich an sie herantrete, auszureden, Zweifel zu säen und mir eine zu negative Kommunikationserfahrung zu bieten. (Mich würde interessieren, ob sie das durch reines Selbstlernen, durch Trainiertwerden an Texten gelernt haben oder ob da Programmierung im Spiel war. Falls jemand dazu etwas weiß, freue ich mich über Information.)

Warum fällt mir das auf? Unter anderem deswegen auf, weil ich in meiner Rolle als Schreibcoach gewissermaßen als Anti-Chatbot auftrete. Ich versuche immer wieder, meinen Coachees den Mut zum Neinsagen, zum Widersprechen, zum Einnehmen pointierter und auch kontroverser Positionen zu vermitteln. In meinen Augen ist es oft ein Gewinn für einen Text, wenn er eine klare Gegenposition zu irgendeiner anderen Position vertritt – wenn er zu irgendetwas „Nein“ sagt und das nicht etwa wegtarnt, sondern offen herausstellt und dazu steht. Das gibt dem Text Würze und Schärfe. Das ist für einen Text ein Pluspunkt, selbst wenn es für einen Interaktionsteilnehmer ein Minuspunkt, eine zu vermeidende Unangenehmheit sein könnte.

Das ist eine vielleicht nicht notwendige, aber mögliche Konsequenz aus dem Ansatz des systemischen Schreibens. Das ist ein Ansatz, den ich entwickelt habe am Schnittpunkt von wissenschaftlichem Schreiben und systemischer Beziehungsarbeit. Ich kombiniere hier Grundlagendenken mit konkreten How-to-do-Tipps und vermittle meinen Coachees einen ganz neuen Blick aufs Schreiben. (und zwar im Interaktionssetting natürlich mit viel weniger Nein-Anteil hat als im schriftlichen Setting!)


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