Manche Dinge sind interessant und andere nicht. Aber warum eigentlich? Was macht Dinge interessant? Das ist eine grundlegende und dafür, wie grundlegend sie ist, erstaunlich selten gefragte Frage.
In der Wissenschaft etwa wird unablässig gefragt, was Dinge wahr macht oder woran man ihren Wahrheitswert erkennen und überprüfen kann. Aber was Dinge interessant macht, wird kaum je systematisch gefragt. Dabei ist es selbst in der Wissenschaft so, dass Wissenschaftler aus der Menge der aufgenommenen Information sich nicht vor allem das merken, was besonders wahrheitshaltig oder stichhaltig ist, sondern das, was besonders interessant ist.
Was also macht einen Text oder eine Information interessant? Die allgemeine Antwort ist: Um interessant zu sein, muss eine Information im richtigen Maß Bekanntheit und Neuheit kombinieren. Sie muss einerseits Bekanntes aufgreifen oder mit Bekanntem verlinkt sein, und sie muss andererseits irgendwie neu, abweichend, unerwartet, überraschend sein. Was zu neu ist, kann nicht verarbeitet werden, es kann im Gehirn nirgends andocken und erscheint uns deshalb gar nicht erst als relevant. Was zu wenig neu ist, hat zu wenig Aufmerksamkeitswert, es erzeugt zu wenig feuernde Neuronen oder zu wenig aufploppende Ausrufezeichen im Gehirn.
Ebenso ist es übrigens mit der Beliebtheit von Popsongs: Erfolgreiche Popsongs wiederholen zu 90% oder 95% bekannte Muster, bekannte Melodien, bekannte Rhythmen und bringen nur zu ganz geringen Anteilen Neues, das von diesem Muster abweicht und etwas unverwechselbares Eigenes ist.
Wie also erzeugt man, wenn man einen Text schreibt, diese Knalleffekte der Aufmerksamkeit und Interessantheit? Wie bringt man den Leser dazu, sich ein Ausrufezeichen an den Textrand oder ins Hirn zu machen und zu denken: „Das ist aber interessant!“? Das ist eine Frage, die sich beim Schreiben und auch im Schreibcoaching immer wieder stellt.
Man muss dafür sorgfältig nach Highlights Ausschau halten, sie ausbauen, polieren, ihnen den richtigen Kontext geben, in dem sie erst so richtig leuchten können. Der Kontext etabliert den Horizont der Bekanntheit, je nach Leserschaft und Zielgruppe. Das gibt den Rahmen, in den hinein man dann Auffallendes, Abweichendes, Ungewohntes, vielleicht erst mal Stirnrunzeln-Machendes, jedenfalls auf irgendeine Weise Eindruck-Hinterlassendes stellen kann.
Dafür muss man sich in den Leser einfühlen und den Text mit seinen Augen lesen, und dafür wiederum hilft es, allgemein ein Beziehungskonzept des Schreibens haben. Das ist ein Ansatz, den ich entwickelt habe am Schnittpunkt von wissenschaftlichem Schreiben und systemischer Beziehungsarbeit und den ich auch meinen Coachees zu vermitteln versuche. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es für viele Leute interessant (!) ist zu hören, wie man Schreiben als Beziehung denken kann. Ich gehe deshalb davon aus, dass dieser Gedanke einen guten Mix aus Bekanntheit (Beziehungskonzept, Beziehungsdenken allgemein) und Neuheit (Text! als Beziehung) gefunden hat.